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Intergroove UK, einer der größten Vinyl- und CD-Vertriebe für Clubmusik in England, hat gestern Insolvenz angemeldet. Die großen Breaks-Label und zahlreiche kleinere hatten Deals mit Intergroove UK. Für die Breaks-Szene ist das ein massiver Tiefschlag. Wieso? Was macht ein Vertrieb? Was hat das mit normalen Musikhörern und Partygängern zu tun?

Vertriebe sind „Mittelsmänner“: Labels lizensieren Musik von Künstlern. Platten / CDs werden von Labels oder Vertrieben gepresst. Die Plattenläden erhalten die Ware in der Regel nicht direkt von den Labels, sondern über Vertriebe. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Deals. Vertriebe kaufen den Labels die Platten ab und / oder nehmen sie in Kommission, um dann je nach de facto verkauften Einheiten abzurechnen.

In Deutschland ist die Pleite des deutschen Indie-Vertriebs EFA von 2004 noch im Gedächtnis: Wenn nun ein Vertrieb plötzlich insolvent wird, dann können Labels nicht mehr über Platten ausgezahlt werden, die in den letzten Monaten vertrieben wurden. Da insbesondere kleine Labels mit einer Auflage von um die 1-2000 Stück ohnehin Mühe haben, ihre Kosten zu decken und überhaupt Profit zu erwirtschaften, bedeuten solche Verluste oft das Aus. Und der Rest muss sich neue Wege suchen, wie die nächsten Scheiben den Weg in die Läden finden.

Wieso schreib ich darüber? Ich denke, dass sich hier erste Auswirkungen von Entwicklungen zeigen, die den Bereich von elektronischer Clubmusic und auch andere Genres noch länger beschäftigen werden. Stichworte sind aussterbendes Vinyl, illegales Fileharing und künstlerische Nischenökonomie im digitalen Zeitalter.

Ich bin nicht per se gegen Filesharing. 100km vom nächsten Plattenladen entfernt bin ich 2000 / 2001 selbst erst über das Netz auf interssante Künstler gestossen, die ich sonst wohl nie kennengelernt hätte. Aber ich habe dann auch jede Menge entsprechender Platten gekauft. Die reihen sich jetzt meterlang auf und sammeln Staub. Verkaufen ließen sie sich die Meisten nur für einen Bruchteil des Kaufpreises. Klingt ärgerlich, ist es aber nicht. Dass man als Vinyl-DJ 8-10 € pro Platte mit 1-2 Tracks hinlegen muss ist eben der Preis dafür, dass Independent-Labels und Nischen-Musik samt ihrer Künstler weiterhin neben den großen Major-Companies existieren können. Trittbrettfahren – Musik nur noch für Umme aus dem Netz ziehen – das entzieht dieser Musikkultur den Boden.

Dieses Verhältnis bildet sich auch lokal ab: Zugespitzt formuliert ist Clubmusik in Trier dominiert von R&B-Cheese und compilation-kompatiblem Handtäschchen-House. Daneben existiert nicht mehr viel und Viele jammern über diesen Zustand. Wenn dann alternative Party-Angebote gemacht werden, wird von Einigen fleissig weitergemault oder sogar gleich daheim geblieben: Location ist scheisse, Sound könnte besser sein, Eintrittspreise sind zu hoch und – da beisst sich die Katze in den Schwanz – es kommen zu wenige Leute auf die Parties. Nochmal: Trittbrettfahren – von Parties alles verlangen, aber nichts geben wollen – das entzieht dieser Musikkultur den Boden.

Mit t90 sieht das so aus: Bei Parties auf unserem Niveauu bleibt ohnehin nicht viel hängen. Da wir erheblich mehr für Platten ausgeben, als übrig bleibt und nach Möglichkeit auch externe DJs buchen, fliesst das Geld also zurück in die Nischenökonomie / Szene. (Ausnahme sind unsere Benefizgeschichten. Das halten wir dann für notwendiger).

Zurück zu Intergroove: Was sind die Ursachen für die Pleite? Fehlentscheidungen & Mißmanagement? Es wird weniger a) Breaks & Co. b) Clubmusik c) Vinyl d) Musik gekauft? Wahrscheinlich eine Mixtur aus allem.

a & b) Wenn Clubsound per se bei der nachwachsenden Generation keinen so großen Anklang mehr finden sollte, dann lässt sich dagegen wenig ausrichten. Da helfen auch „bessere Tracks“ nicht.

c) Der Trend geht unaufhaltsam zum digitalen Medium und Internet-Distribution. Da ist die Gewinnspanne für Labels im Vergleich zu Vinyl jedoch kleiner. Bei gleicher (oder sogar noch geringer werdender) Anzahl an verkauften Tracks sind die Einnahmen entsprechend geringer. Da die sich die kleinen Labels eh schon mit Vinyl gerade so über Wasser halten können, wird´s künftig noch schwieriger.

d) Der Konsument fragt sich: Wieso soll ich 1,50€ pro MP3-Track zahlen, wenn ich ohne eine Cent dafür zu berappen den Track aus einem p2p-Netz oder gemixt von einer Website als DJ_____live-@Club___.mp3 schon am Tag nach dem Gig bekommen kann? Die Antwort ist: Aus Wertschätzung und Solidarität mit den Künstlern. Doch so eine Denke in die Köpfe zu bekommen – um Dinge zu bewahren, die einem wichtig sind, muss man investieren – ist selbst hinsichtlich existentieller Zusammenhänge wie dem Ökosystem schon schwierig.

1. November 2006 | blablablub | Schlagwörter: , 2 Kommentare »

2 Kommentare bisher

  1. 3. November 2006 um 20:48 Uhr

    myom sagt,

    kein direkter effekt davon aber:
    Carepack´s labelhead declares bankruptcy
    http://www.carepackrecords.de/

  2. 5. November 2006 um 03:24 Uhr

    hektik sagt,

    ey alder, du haust den nagel auf den kopf.
    mal wieder: danke für die inspiration und das gute!

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